Gründonnerstag 12 leere Stühle

In den Kirchen unserer Pfarrei finden sich am Gründonnerstag 12 leere Stühle und die Utensilien zur Fußwaschung. Der dienende Jesus will seinen Jüngern ein Vorbild sein.

Auch wenn wir keine öffentlichen Messen am Gründonnerstag feiern dürfen und die Stühle leer bleiben, lädt uns Jesus ein, mit unserer dienenden Sorge für den Nächsten präsent zu sein. Die Kirchen sind von 10.00 - 17.00 Uhr geöffnet, dort finden sie auch entsprechende Besinnungstexte zu Gründonnerstag.

St. Regina schließt sich zu Gründonnerstag 2020 dem Impuls von Pfarrer Klaus Honermann (St. Ludgerus Schermbeck) an. Lesen Sie im Folgenden seinen Impulstext:


Krankenschwestern und Ärzte, Altenpfleger, Verkäuferinnen und andere haben in diesen Wochen bis zum Äußersten gearbeitet. Manchmal über die Grenze des Erträglichen hinaus. Ein Dienst an der ganzen Gesellschaft. Nicht umsonst hat der Bundestag für diese Dienste stehend applaudiert.
Heute Abend geht es ganz wesentlich um einen Dienst.

Oben im Chorraum stehen 12 leere Stühle für die 12 Apostel. Sie sind unbesetzt. An diesem Abend eben auch ein Zeichen für all die unbesetzten Plätze, die in der Kirche frei sind, weil wir aufgrund von „Corona“ physisch nicht zusammen kommen können. Und dabei ist das Geheimnis, welches wir heute feiern, von einer so leibhaftigen Symbolik geprägt wie kaum ein anderes kirchliches Fest.
Nicht wenige von uns vermissen es, nicht leibhaftig hier in der Kirche sein zu können, um teilzunehmen an der Feier des Abendmahls.
Und dennoch können wir teilnehmen. Ganz real. Mit unserem Herzen und unserem Verstand.
Denn die innere, geistige Teilnahme ist eine reale, eine wirkliche Teilnahme.
Heute Abend feiern wir einen Dienst, den jemand nicht wegen der Virus-Pandemie getan hat, sondern um ein Zeichen zu setzen. Die Füße zu waschen, war der Dienst der niedrigsten Haussklaven.
Der Widerstand des Petrus ist verständlich: Jesus, der „Meister“, hatte die Rollen vertauscht.
Statt sich bedienen zu lassen, dient er. Und das auch noch auf eine Weise, wo er den Schmutz berührt. Und dabei buchstäblich auch die Achillesverse des Petrus und der übrigen Apostel.
Vielleicht hat er auch im übertragenen Sinne die Achillesverse von uns Menschen berührt; die Stelle, wo wir verwundbar sind.
Wenn die Achillesverse verletzt ist, können wir nicht mehr gehen oder gar kämpfen - wie jener berühmte griechische Held, auf den dieses Bildwort zurückgeht.
Jesus berührt beim Füßewaschen der Jünger unsere Achillesverse, unsere schwache Stelle.
Wir möchten uns normalerweise nicht gerne so tief bücken. Wir möchten uns nicht gerne unter den anderen befinden.
Und sich dann auch noch die Hände schmutzig machen. Wenn schon, dann ziehen wir lieber Handschuhe an , z.B. bei der Gartenarbeit.
Wenn in diesen Wochen Handschuhe angezogen wurden, dann als absolut notwendige Vorsichtsmaßnahme. Eben um den Dienst an den Kranken und Kunden tun zu können, ohne den Virus weiter zu verbreiten.
Ich wünschte mir, der Geist der Hilfsbereitschaft und Dankbarkeit, der Verbundenheit und Solidarität, der in diesen Wochen mehr als sonst zu bemerken war, könnte sich ausbreiten wie ein Virus. Doch während der sich ungefragt und unheimlich ausbreitet, breitet sich der Geist der Liebe nur als bewusste Entscheidung aus. Aber Beispiele machen Schule.
Und genau darum geht es Jesus. Dass sein Beispiel des Dienens Schule macht, sich ausbreitet von jenem Abendmahlssaal hinaus in die ganze Welt und in alle Zeiten.
Begreift ihr, was ich an euch getan habe? Ihr sagt zu mir Meister und Herr und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.
Das sagt Jesus, nachdem er dem Letzten die Füße – und nicht „den Kopf gewaschen“ hat.
Auch dem Judas, der ihn verraten würde, weil er vermutlich Jesus in eine Machtprobe hinein-zwingen wollte mit den Herrschenden.
Doch die Herrschaft Gottes geht eben genau nicht nach diesem Muster.
Begreift ihr? fragt Jesus. Bereifen wir das Geheimnis?
Vielleicht haben wir in diesem Jahr, wo alles anders ist an Ostern, wo wir nicht wie sonst auch in die Kirche gehen können – vielleicht fangen wir durch diesen „Entzug“ bewusster an, darüber nachzudenken, was Christsein bedeutet.
Johannes hat nicht wie die anderen Evangelisten vom Brotbrechen und vom Segensbecher berichtet. Von den Zeichen, mit denen Jesus sich selbst und sein Leben, seine grenzenlose göttliche Zuwendung uns geschenkt hat.
Und doch war auch in der Fußwaschung das Verschenken seines Lebens da, wenn auch auf andere Weise.
Sich die Hände schmutzig machen – auch dieser Ausdruck kann im übertragenen Sinn verstanden werden. Als Pilatus wenige Stunden nach dem Abendmahl Jesus gegenüber saß,
der mit gefesselten Händen vor ihm stand, da wollte er sich mit seinem Urteil nicht die Hände schmutzig machen. Er ließ sich buchstäblich Wasser in einer Schüssel bringen, um sich frei zu waschen von der Verantwortung des Todesurteils. Er hat sich nur selbst getäuscht.
Ärzte konnten sich in diesen Tagen nicht selbst täuschen. Sie haben in ihrem Dienst in manchen Krankenhäusern Italiens sich entscheiden müssen, welcher Patient das Beatmungsgerät bekommt. Eine äußerst schmerzhafte Entscheidung; eine, bei der man sich zwangsläufig „die Hände schmutzig macht“; eine Entscheidung, Menschen nicht dem Tod zu entreißen,
so gerne man es täte.
Was für ein leidvoller Dienst, der seelisch alles abverlangt.
Vielleicht ist es gut – bei allem Schmerzhaften, was mit der Corona-Pandemie verbunden ist und nicht klein geredet werden darf – vielleicht ist es als Nebeneffekt gut, dass wir den liturgisch- kirchlichen Raum an diesen vorösterlichen Tagen verlassen. So können wir deutlicher als sonst wahrnehmen, wo überall „Fußwaschung“ geschieht, wo überall Menschen für einander da sind.
Denn die Liturgie hat zeichenhaften Charakter. In Zeichen wird das verwirklicht, was im Alltag geschehen soll.
Wenn Jesus sagt „Tut dies zu meinem Gedächtnis“, dann meint er nicht nur einfach den Gottesdienst in den Kirchen. Dann meint er damit seine gesamte Lebensweise, für uns da zu sein.
Einander die Füße waschen – sagt er. Auf diese Gegenseitigkeit legt er größten Wert.
Nicht auf eine Rollenverteilung von oben und unten. Darauf eben ganz und gar nicht.
Und wenn diese Gegenseitigkeit des Füreinander  in diesem Jahr mehr um sich greift,
dann hat der Virus durch unsere bewusste Reaktion darauf einen positiven Nebeneffekt.
Ich bin mir fast sicher, dass dies geschieht.
Das Sich-erinnern bedeutet: vergegenwärtigen. In den jetzigen Augenblick holen.                                             
Die Erinnerung an das letzte Abendmahl ist keine nostalgische Rück-Erinnerung.                                          
Sie ist Vergegenwärtigung dessen, was uns mehr zu Menschen macht.
Wir sind eingeladen, uns zu erinnern an das, was Jesus beim letzten Abendmahl tat.                           
Und wir sind eingeladen, uns zu erinnern an das, was in diesen Tagen Menschen in Solidarität für einander tun. Das wird uns aufleben lassen. Amen.
                      (Klaus Honermann)